Akzeptanz von Exoskeletten bei Mitarbeitenden

Akzeptanz von Exoskeletten bei Mitarbeitenden

Ein technisch geeignetes Exoskelett entfaltet im Betrieb nur dann seinen Nutzen, wenn die Beschäftigten es tatsächlich tragen. Die Akzeptanz der Mitarbeitenden ist deshalb keine Begleiterscheinung der Einführung, sondern eine ihrer wichtigsten Voraussetzungen.

Dabei reicht es nicht, ein Exoskelett bereitzustellen und seine Vorteile zu erklären. Beschäftigte müssen erleben, dass das System zur Tätigkeit passt, sicher eingesetzt werden kann und ihnen im Arbeitsalltag einen nachvollziehbaren Nutzen bietet. Ebenso wichtig ist ein Umfeld, in dem das Tragen eines Exoskeletts weder als Schwäche noch als Sonderbehandlung wahrgenommen wird.

Die Einführungsphase spielt dabei eine entscheidende Rolle. Eine vom französischen Arbeitsschutzinstitut INRS untersuchte betriebliche Praxis zeigte, dass Anwender teilweise zu wenig beteiligt wurden und wenig Zeit für Eingewöhnung und Schulung erhielten. Genau diese Faktoren erschwerten die Akzeptanz.

Ohne Akzeptanz bleibt das Exoskelett ungenutzt

Ein Exoskelett kann ergonomisch sinnvoll ausgewählt und technisch hochwertig sein. Wenn Beschäftigte es als unbequem, störend, unnötig oder stigmatisierend empfinden, wird es trotzdem nicht dauerhaft genutzt.
Unternehmen sollten die Akzeptanz deshalb nicht erst prüfen, wenn Widerstand auftritt. Sie muss von Beginn an ein Auswahlkriterium sein. Dazu gehören Fragen wie:

  • Unterstützt das Exoskelett die tatsächlich belastende Bewegung
  • Passt es zu unterschiedlichen Körpermaßen?
  • Lässt es sich ohne großen Aufwand anlegen und einstellen?
  • Bleiben notwendige Bewegungen möglich?
  • Können Beschäftigte ihre Erfahrungen offen äußern?
  • Verstehen sie, warum das Unternehmen die Technologie einführt?


Die langfristige Nutzung hängt nach Erkenntnissen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin unter anderem von Tragekomfort, Verfügbarkeit und Anpassungsmöglichkeiten ab. Passgenauigkeit ist damit kein Detail, sondern ein wesentlicher Faktor für die Akzeptanz.

Was beeinflusst die Akzeptanz von Exoskeletten?

Wahrgenommener Nutzen im Arbeitsalltag

Beschäftigte müssen die Unterstützung bei ihrer konkreten Arbeit nachvollziehen können. Allgemeine Aussagen über Ergonomie reichen dafür nicht aus. Entscheidend ist die Erfahrung an der jeweiligen Arbeitsstation: Fühlt sich eine belastende Haltung weniger anstrengend an? Wird eine wiederkehrende Bewegung unterstützt? Oder entstehen an anderer Stelle neue Einschränkungen?

In der von der Kommission Arbeitsschutz und Normung beschriebenen Untersuchung berichteten Beschäftigte zwar von einer geringeren Kraftanstrengung, jedoch nicht automatisch von geringerer Ermüdung. Die Produktionsleistung wurde von den Befragten mit und ohne Exoskelett als gleich beschrieben. Solche Ergebnisse sprechen dafür, Nutzen nicht ausschließlich über Produktivität oder ein allgemeines Entlastungsversprechen zu kommunizieren.

Tragekomfort, Passform und Bewegungsfreiheit

Ein Exoskelett wird direkt am Körper getragen. Druckstellen, Wärmestau, ein hohes Gewicht, eingeschränkte Bewegungen oder häufiges Nachjustieren fallen daher unmittelbar auf.

Beschäftigte sollten unterschiedliche Größen und Einstellungen ausprobieren können. Ein System, das einer Person gut passt, muss für eine andere Person nicht automatisch geeignet sein. Auch die Wechselwirkung mit Arbeitskleidung, persönlicher Schutzausrüstung, Werkzeugen, Fahrzeugen und räumlichen Gegebenheiten muss im realen Arbeitsablauf betrachtet werden.

Die Forschungsergebnisse der BAuA unterstreichen sowohl die Bedeutung passender Einstellmöglichkeiten als auch mögliche Veränderungen der Körperkinematik und der Bewegungsabläufe.

Sicherheit und Vertrauen

Beschäftigte müssen wissen, für welche Tätigkeiten das Exoskelett vorgesehen ist, wo seine Grenzen liegen und wie es korrekt eingestellt wird. Offene Sicherheitsfragen erzeugen Unsicherheit und wirken sich direkt auf die Nutzungsbereitschaft aus.

Eine Einweisung sollte deshalb nicht nur das Anlegen erklären. Sie sollte auch deutlich machen:

  • welche Bewegungen unterstützt werden,
  • welche Tätigkeiten nicht vorgesehen sind,
  • was bei Druckstellen oder Beschwerden zu tun ist,
  • wer bei technischen oder ergonomischen Fragen hilft,
  • wie Rückmeldungen dokumentiert und bearbeitet werden.

Sicherheit und einfache Handhabung werden in der ausgewerteten Akzeptanzstudie als unverzichtbare Faktoren beschrieben. Eine erzwungene Nutzung einer nicht akzeptierten Technologie kann demnach zusätzliche körperliche oder psychosoziale Risiken mit sich bringen.

Reaktionen von Kollegen und Führungskräften

Akzeptanz ist nicht nur eine Frage zwischen Mensch und Technik. Ebenso wichtig ist, wie Kollegen und Vorgesetzte auf das Exoskelett reagieren.

In der vom INRS untersuchten Gruppe wurde das Tragen durch Kollegen nicht positiv aufgenommen. Der soziale Kontext kann damit selbst dann zu einer Hürde werden, wenn das System technisch funktioniert.

Führungskräfte sollten deshalb früh klarstellen: Ein Exoskelett ist kein Zeichen mangelnder Belastbarkeit. Es ist ein Arbeitsmittel zur ergonomischen Gestaltung geeigneter Tätigkeiten. Abwertende Bemerkungen oder ein demonstratives Herausstellen einzelner Nutzer untergraben diese Botschaft.

Häufige Kritikpunkte von Mitarbeitenden

„Das Exoskelett schränkt mich ein“
Dieser Einwand muss praktisch geprüft werden. Mögliche Ursachen sind eine ungeeignete Bauart, eine falsche Einstellung oder eine Tätigkeit, die neben der unterstützten Bewegung viele andere Bewegungen verlangt.
Sinnvolle Reaktion: Bewegungsablauf beobachten, Einstellung korrigieren, alternative Systeme testen und das Exoskelett nur für geeignete Teilaufgaben einsetzen.


„Das ist unbequem und zu aufwendig“
Wenn Anlegen, Einstellen und Ablegen kompliziert sind, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer regelmäßigen Nutzung. Gleiches gilt bei Druckstellen, Wärmestau oder häufigem Nachjustieren.
Sinnvolle Reaktion: ausreichend lange Praxistests durchführen, individuelle Einstellungen dokumentieren und das Anlegen in den tatsächlichen Arbeitsablauf integrieren. Beschwerden dürfen nicht als bloße Gewöhnungsfrage abgetan werden.


„Jetzt halten mich alle für nicht belastbar“
Diese Sorge betrifft nicht das Produkt, sondern die Einführungskultur. Sie entsteht besonders leicht, wenn nur einzelne Personen mit bekannten Beschwerden ein Exoskelett erhalten.
Sinnvolle Reaktion: Das Angebot an belastende Tätigkeiten statt an vermeintlich schwache Personen knüpfen. Kommunizieren Sie den präventiven Zweck und ermöglichen Sie allen geeigneten Beschäftigten, ein passendes System zu testen.


„Damit soll ich nur mehr leisten“
Wenn die Einführung ausschließlich mit Leistung, Taktzeit oder Effizienz begründet wird, kann das Exoskelett als Instrument zur Arbeitsverdichtung erscheinen.
Sinnvolle Reaktion: Ziele transparent benennen. Im Mittelpunkt sollten Belastungsreduktion, ergonomische Arbeitsplatzgestaltung und sichere Abläufe stehen. Erwartungen an die Arbeitsleistung dürfen nicht ohne fundierte betriebliche Bewertung verändert werden.


„Ich weiß nicht, ob das wirklich sicher ist“
Unsicherheit entsteht, wenn Auswahl, Einsatzgrenzen und Zuständigkeiten unklar bleiben.
Sinnvolle Reaktion: Arbeitsschutz, Ergonomie-Verantwortliche und Anwender in die Auswahl einbeziehen. Die Eignung muss an der konkreten Tätigkeit und im konkreten Arbeitsumfeld geprüft werden.

 Exoskelette erfolgreich einführen: sieben Schritte

Schritt 1

 Belastende Tätigkeiten analysieren 

Beginnen Sie nicht mit einem bestimmten Produkt, sondern mit der Tätigkeit. Ermitteln Sie, welche Bewegungen, Haltungen oder Belastungsspitzen verbessert werden sollen. Ein Exoskelett sollte nicht eingesetzt werden, nur weil es grundsätzlich verfügbar ist.

Schritt 2

 Mitarbeitende frühzeitig beteiligen

Binden Sie Beschäftigte ein, bevor eine Kaufentscheidung getroffen wird. Sie kennen Abweichungen, Nebentätigkeiten und praktische Hindernisse, die in einer allgemeinen Arbeitsplatzbeschreibung häufig nicht sichtbar werden.

Beteiligung bedeutet dabei mehr als eine Produktvorführung. Beschäftigte sollten Anforderungen formulieren, Systeme ausprobieren und eine ungeeignete Lösung ablehnen können.

Schritt 3

Ziele und Grenzen transparent erklären

Erklären Sie, warum das Unternehmen Exoskelette prüft und welches Problem gelöst werden soll. Vermeiden Sie überzogene Erwartungen. Exoskelette sind keine medizinische Behandlung und ersetzen nicht automatisch andere Maßnahmen der Arbeitsplatzgestaltung.

Formulieren Sie stattdessen konkret: „Wir prüfen, ob diese Tätigkeit ergonomischer gestaltet werden kann und ob das Exoskelett dabei eine geeignete Unterstützung bietet.“

Schritt 4

Mehrere geeignete Systeme testen

Ein kurzer Erstkontakt zeigt meist nur, ob sich ein System grundsätzlich anlegen lässt. Eine belastbare Bewertung benötigt eine Erprobung in den relevanten Arbeitsabläufen. Dabei sollten unterschiedliche Körpergrößen, Tätigkeitsvarianten und Arbeitssituationen berücksichtigt werden.

Schritt 5

 Zeit für Anpassung und Schulung einplanen

Beschäftigte benötigen Zeit, um das Anlegen, Ablegen und Einstellen zu lernen. Die Schulung sollte direkt am Arbeitsplatz stattfinden und typische Tätigkeiten sowie vorhersehbare Störungen einbeziehen.

Schritt 6

Feedback vertraulich erfassen

Nicht jede Kritik wird in einer Gruppenbesprechung offen geäußert. Bieten Sie daher persönliche Gespräche oder vertrauliche Rückmeldemöglichkeiten an. Fragen Sie gezielt nach Nutzen, Tragekomfort, Bewegungsfreiheit, Handhabung, sozialen Reaktionen und Situationen, in denen das System abgelegt wird.

Schritt 7

Nutzung und Eignung regelmäßig überprüfen

Akzeptanz kann sich verändern. Ein guter erster Eindruck garantiert keine langfristige Nutzung. Umgekehrt können Schulung, bessere Einstellungen oder ein anderes Modell anfängliche Vorbehalte reduzieren.
Prüfen Sie nach der Testphase unter anderem:

  • Bei welchen Tätigkeiten wird das Exoskelett genutzt?
  • Wann wird es abgelegt und warum?
  • Gibt es Druckstellen oder neue Beschwerden?
  • Sind Anpassungen während der Arbeit erforderlich?
  • Ist das System ausreichend verfügbar?
  • Würden Beschäftigte es freiwillig weiterverwenden?

Einzelne Mitarbeitende oder die gesamte Belegschaft?

Die sinnvollste Lösung ist weder eine pauschale Ausstattung aller Beschäftigten noch eine Beschränkung auf Personen mit bestehenden Körperbeschwerden.
Empfehlenswert ist ein tätigkeitsbezogener Ansatz: Alle Beschäftigten, die eine geeignete belastende Tätigkeit ausführen, sollten unabhängig von Alter, Geschlecht, Beschwerden oder wahrgenommener Leistungsfähigkeit Zugang zur Erprobung erhalten. Die tatsächliche Nutzung sollte freiwillig bleiben und von Passform, Tätigkeit und persönlicher Eignung abhängen.

Dieser Ansatz bietet drei Vorteile:

  • Er positioniert das Exoskelett als Instrument der Prävention und Arbeitsplatzgestaltung.
  • Er reduziert das Risiko, einzelne Beschäftigte als „schwach“ oder „krank“ zu markieren.
  • Er verhindert gleichzeitig, dass ungeeignete Personen oder Arbeitsplätze pauschal ausgestattet werden.

Das Wichtigste: Exoskelette als Angebot verstehen

Der wichtigste Akzeptanzfaktor ist eine glaubwürdige Beteiligung der Beschäftigten. Wer ein Exoskelett tragen soll, muss bei Auswahl, Erprobung und Bewertung eine echte Stimme haben.
Akzeptanz lässt sich nicht anordnen. Sie entsteht, wenn Beschäftigte:

  • den Zweck verstehen,
  • einen eigenen Nutzen erkennen,
  • sich sicher fühlen,
  • das System als komfortabel und handhabbar erleben,
  • keine soziale Abwertung befürchten,
  • und Kritik ohne Nachteile äußern können.

Das Unternehmen sollte deshalb nicht fragen: „Wie überzeugen wir die Mitarbeitenden von unserem Exoskelett?“ Die bessere Frage lautet:„Welche Lösung akzeptieren die Mitarbeitenden, weil sie ihre Arbeit tatsächlich unterstützt?“

Fazit: Akzeptanz entsteht vor dem regelmäßigen Einsatz

Exoskelette sind körpernah getragene Arbeitsmittel. Ihre Einführung greift daher stärker in den individuellen Arbeitsalltag ein als die Bereitstellung vieler anderer technischer Hilfsmittel.
Erfolgreiche Unternehmen beginnen nicht mit einer flächendeckenden Beschaffung. Sie analysieren die Tätigkeit, beteiligen die Beschäftigten, testen passende Systeme und bewerten Nutzen sowie Einschränkungen anhand realer Arbeitsabläufe.

Wer Akzeptanz von Anfang an als Auswahlkriterium behandelt, verbessert die Voraussetzungen für eine freiwillige und dauerhafte Nutzung. Genau hier sollte eine professionelle Exoskelettberatung ansetzen: nicht beim Verkauf eines bestimmten Modells, sondern bei der Frage, welches System zur Tätigkeit, zum Arbeitsplatz und zu den Menschen passt.

Sie möchten Exoskelette in Ihrem Unternehmen erproben?

Lassen Sie sich bei der Tätigkeitsanalyse, Produktauswahl und Testphase unterstützen. Gemeinsam schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass ein Exoskelett nicht nur technisch passt, sondern auch von den späteren Anwenderinnen und Anwendern akzeptiert wird.

 Nehmen Sie Kontakt mit uns auf!  

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FAQ zum Testen von Exoskeletten

Sollten Beschäftigte zum Tragen verpflichtet werden?

Eine Verpflichtung löst keine Akzeptanzprobleme. Bei einer nicht akzeptierten Technologie können nach der INRS-Untersuchung sogar zusätzliche körperliche, psychosoziale und sicherheitsbezogene Risiken entstehen. Statt Druck auszuüben, sollten Unternehmen Widerstände untersuchen und die Eignung des Systems erneut bewerten.

Wie lange sollte ein Exoskelett getestet werden?

Eine allgemeingültige Testdauer lässt sich nicht vordefinieren. Die Testphase sollte jedoch lang genug sein, um unterschiedliche relevante Aufgaben und Arbeitssituationen abzubilden. Ein kurzer Vorführtermin ersetzt keine Erprobung im betrieblichen Alltag.

Was ist wichtiger: Entlastung oder Komfort?

Beides muss zusammen betrachtet werden. Eine wahrgenommene Unterstützung führt nicht automatisch zu dauerhafter Nutzung, wenn das System unangenehm ist, Bewegungen behindert oder häufig nachjustiert werden muss.

Sind Exoskelette nur für Beschäftigte mit Beschwerden sinnvoll?

Für die betriebliche Kommunikation sollte das Exoskelett nicht als Kennzeichen einer Erkrankung dargestellt werden. Ein tätigkeitsbezogener Zugang für alle geeigneten Beschäftigten unterstützt die präventive Positionierung und reduziert Stigmatisierung. Die individuelle Nutzung hängt dennoch von Tätigkeit, Passform, Arbeitsumfeld und persönlicher Eignung ab.

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